Spontaner Yoga – Von Gnade berührt

von Dez 29, 2021Journal0 Kommentare

Spontaner Yoga – Von Gnade berührt 

von Igor Kufayev

„Es gibt kein Erwachen ohne Kriyas… Erwachen selbst ist ein gewaltiges Kriya.“

– Igor Kufayev

 

Vom Standpunkt des Yoga muss Wissen, wie tiefgründig auch immer, nicht nur intellektuell verstanden, sondern direkt erkannt und erfahren werden ‒ aus erster Hand. Es gab immer schon spirituelle Lehrer, die diese direkte Realisierung betonen und ermöglichen, indem sie Suchenden die Erfahrung der eigenen Essenz offenbaren. Dieser Prozess steht mit Shaktipat in Verbindung ‒ der Übertragung von spiritueller Energie. Shaktipat setzt das verborgene, innere Potenzial im Aspiranten frei, das wir als Kundalini bezeichnen. Als Resultat der Aktivierung, des Erwachens und des Aufstiegs von Kundalini-Shakti manifestieren sich Kriyas, spontane, unfreiwillige Bewegungen in der Meditation. Dieses Phänomen ist nach wie vor ein relativ unerforschtes Terrain, wenngleich ein unglaublich interessantes. Kriyas sind Nebenprodukte des erhöhten Flusses von Prana durch die subtilen Energiekanäle, herbeigeführt durch die Aktivierung der Lebenskraft.

Solche Kriyas sind ein konstantes Merkmal der Retreats des spirituellen Lehrers Igor Kufayev, die sich in nahezu jedem Teilnehmer zeigen. Es ist sein Anliegen, Einblicke in die Reise des Erwachens zu gewähren und die Shakti zu ehren, die Göttliche Mutter, die die zeitlose Quelle und der Ursprung des Yoga ist ‒ und sämtlicher spiritueller Traditionen.

 

Kundalini, Kriyas und der Weg des Herzens

 

Der Begriff Kundalini bezeichnet nicht bloß irgendeine esoterische Kraft, die dem menschlichen Körper innewohnt – vielmehr steuert die Kundalini sämtliche Prozesse in unserem Körper-Geist-Organismus. Wann immer ich versuche, die Aura der Mystik um diesen Begriff zu zerstreuen, dann sage ich einfach, dass Kundalini unsere Seele ist. Sie ist meine und deine Seele.

In der hinduistischen Perspektive ist Kundalini die Lebenskraft, die sich zusammengerollt an der Basis der Wirbelsäule befindet und die das Potenzial menschlichen Bewusstseins im Zustand der Homöostase darstellt. Diese schlafende Energie muss aktiviert werden, um transformative Prozesse zu ermöglichen. Keine spirituelle Praxis kann wahre Früchte tragen, wenn nicht eben jene Kraft freigesetzt wird, die für die Transformation von Bewusstsein verantwortlich ist. Dies ist das erhabenste Streben, das spiritueller Praxis zugrunde liegt, ungeachtet der Tradition, welche die Praxis hervorgebracht hat. 

Kundalini ist die Seele in ihrem reinen Potenzial ‒ sie ist, was wir in unserer Essenz sind, entgegengesetzt zu der Wahrnehmung, die wir von uns haben. Die Wahrnehmung unserer selbst besteht aus einem Set an Erinnerungen und Konzepten, das sich im Laufe der Zeit geformt hat, seitdem wir als Kleinkinder begannen, uns mit unserer Umwelt auseinanderzusetzen und unsere Wahrnehmungen einzuordnen. Dieses Konglomerat aus Vorstellungen kristallisiert sich schließlich zu dem, was wir als Individualität bezeichnen; es versetzt unser Bewusstsein überhaupt erst in den Zustand der Homöostase. Wir sind einer notwendigen Programmierung ausgesetzt, um uns zu entwickeln und als menschliches Wesen zu funktionieren ‒ um Teil der Kultur zu werden, in die wir hineingeboren wurden. Gäbe es diesen Aspekt von Bewusstsein nicht, könnte Individualität nicht erfahren werden. Ohne diesen Prozess der Kontraktion gäbe es keine individuelle Seele. Und Erwachen ist der Prozess, der diese Programmierung umkehrt.

Ich möchte hinzufügen, dass es unmöglich ist, vollkommen zu artikulieren, was Kundalini ist. Wir haben sie als unsere Seele bezeichnet, indes ist Bewusstsein ein weiterer sehr zutreffender Begriff für die Kundalini. Es sind lediglich verschiedene Begriffe für die gleiche Realität. Warum also können wir kein klares Verständnis von Kundalini haben? Weil dies Kundalini zu einem Objekt reduzieren würde. Sie ist kein Objekt ‒ sie ist unser eigenes Bewusstsein. Bewusstsein beleuchtet die Objekte unserer Wahrnehmung; es gibt keine andere Kraft, die Bewusstsein erhellen könnte.

Im Sanskrit ist Chit die Bezeichnung für Bewusstsein, und Kundalini ist Chit als Lebenskraft im menschlichen Organismus. Sobald wir Kundalini lediglich als Energie betrachten, die sich im Körper befindet, laufen wir Gefahr, unser eigenes Bewusstsein zu einem Objekt der Beobachtung zu degradieren. Wenn wir begreifen, dass die Kundalini nichts anderes ist als unser eigenes Bewusstsein, das sich im Zustand der Identifikation mit dem Körper-Geist-System befindet, dann können wir auch verstehen, dass es innerhalb unseres Bewusstseins selbst (das sich ja in diesem Zustand von seiner ihm innewohnenden Größe zurückgezogen hat) zu einer „Bewegung“ kommen muss, damit diese Energie erwacht. Es muss etwas geschehen.

„Es gibt dich nicht ohne diese göttliche Kraft. Kundalini ist die Energie hinter deiner Selbstwerdung. Die Göttin ist diese Selbstwerdung — sie ist die Seele in all ihren Zuständen. Das ist eine Realisierung, die du machen musst. Kundalini ist ein größeres Du in dir — so einfach ist das.“

 

– Igor Kufayev

 

Wenn diese Aktivierung erfolgt und die Lebenskraft von ihrem „Sitz“ freigesetzt wird, beginnt sie, gewaltige Wellen von Energie durch den gesamten subtilen Körper zu senden. Im subtilen Körper, der sämtliche Chakras und feinstofflichen Energiekanäle beinhaltet, kommt es zu einem tiefgreifenden Prozess der Reinigung, tief sitzende Belastungen und psychische Tendenzen werden freigesetzt. Dies ist von einigem „Beben“ begleitet ‒ von Bewegungen, die man Kriyas nennt. Kriyas können physischer, mentaler, emotionaler und psychologischer Natur sein. Der Körper kann sich schütteln und zittern, schwingen und hüpfen, sich zusammenziehen und verbiegen. Man führt bekannte und unbekannte Yoga-Asanas oder Mudras aus. Bandhas, körperliche Verschlüsse, manifestieren sich unfreiwillig. Es kann zu spontaner Vokalisierung kommen, oder der Körper kann unbeweglich wie eine Sphinx werden. Diese Phänomene sind nichts, das wir „machen“, sie geschehen spontan, wenn sich die Lebenskraft in uns zu entfalten beginnt. Kriyas sind Anzeichen einer schrittweisen Klärung unseres Systems von all der Information, die unser Bewusstsein im Zustand der Kontraktion hält ‒ getrennt von der Wahrnehmung dessen, wer wir tatsächlich sind. Information, die nicht verarbeitet werden konnte, bezeichnen wir als Stress. Sie lagert sich als Sediment in unserem Nervensystem ab und verursacht dort Blockaden ‒ obwohl das Nervensystem entwickelt ist, uns im optimal vernetzten Zustand das Wunder zu offenbaren, Mensch und Gott gleichzeitig zu sein.

„Oh Heiliger, Heiliger, Heiliger! Ich werde gesäubert, gereinigt, gepriesen, gebadet in Flüssen von strömendem Gold; gefaltet, zerdrückt, gedehnt, befreit… Es beginnt im Herz zu pulsieren mit Liebe, dann ein Hinabtauchen, tiefer, tiefer, tiefer… Entfacht wird ein Quirlen, Fließen, Brodeln, Blitzen, Explodieren das mich stundenlang erbeben lässt.“

 

~ Karen Miller, Schülerin von Igor

 

Doch obwohl Kriyas Teil dieser Arbeit sind, ist dieser Weg kein „Kriya-Yoga“. Dies ist der Weg des Herzens. Es ist ein nicht-intellektueller Weg der direkten Wahrnehmung der eigenen Essenz von Realität, intuitiv erkannt im Herzen. Der Weg des Herzens existiert in jeder Tradition ‒ sei es in der Tradition der Buschmänner in der Kalahari-Wüste, der sibirischen Schamanen, der von Yogis unterschiedlicher Systeme, verschiedener Sufi-Orden oder in frühen christlichen oder gnostischen Traditionen. Paradoxerweise transzendiert dieser Weg jede Tradition, da er seinem Wesen nach durch keinerlei Doktrin erfasst werden kann. Der Weg des Herzens verwirft jeglichen Versuch, die Natur der eigenen Realität greifen zu wollen, und sieht darin die grundlegende Begrenzung, die es zu überwinden gilt. Denn das „Greifenwollen“ gehört zur Sphäre des analytischen Verstandes. Auf dem Weg des Herzens ist Wissen nichts, das wir uns aneignen können. Wissen hier ist nicht mentaler oder intellektueller Art, sondern einfaches und direktes Wissen selbst ‒ jenseits von Konzepten, Vorschriften, jenseits von Verstehen und Sprache.

„Die Bhagavad-Gita erinnert uns, alle Handlungen Gott darzubringen, um uns von der Verhaftung an ‚mein’ zu befreien. Kriyas, die in Meditation hervorgerufen werden, sind für mich tägliche Erinnerung der Wahrheit, dass alle Handlung Gottes Handlung ist.“

 

~ Yogananda Menzel, Schüler von Igor

Es ist wichtig, zu erwähnen, dass der Prozess der Aktivierung, des Erwachens und der Freisetzung von Kundalini Begleitung erfordert. Der Lehrer initiiert und schützt den Prozess des Erwachens. Ich komme in dieser Arbeit in Kontakt mit vielen Menschen, deren Kundalini seit vielen Jahren aktiv ist, deren Erwachen jedoch sehr oft von physischen, mentalen oder emotionalen Komplikationen begleitet ist, weil die notwendige Begleitung nicht gegeben ist. Dies ist der Grund, warum wir in vielen Kulturen zutiefst poetische Worte über die Rolle des Wegbegleiters finden. Die Zeilen von Jalāl ad-Dīn Rūmī kommen mir in den Sinn: „Wer ohne Führer reist, braucht 200 Jahre für eine Reise von zwei Tagen.“ Die wahre Schönheit dieser Beziehung enthüllt sich, wenn sich unsere Wahrnehmung verfeinert hat ‒ wenn sich unser Herz öffnet, um die Wellen tieferer Verbindung und Hingabe zu erfahren, die den fortgeschrittensten Prozess und die höchste Stufe erst zur Vollendung bringen. Die Kraft der Hingabe ist es, die uns zur Realisierung von Liebe als unsere höchste Wesensnatur führt. 

„Meine Hände, die graziös feine Bewegungen und Mudras formen, erstarren vor meinem Körper. Ich sitze bewegungslos wie eine indische Statue. Still. Absolut still. Der Atem ist nicht mehr wahrnehmbar. Tief im Inneren öffnet sich mir ein verborgenes Tor in mein eigenes Sein. Das Tor ist Gnade, die Präsenz der Shakti… der Schritt hindurch das Einverständnis, bewusst zu sterben um wiedergeboren zu werden im Ozean der Glückseligkeit, den uranfänglichen Gewässern von Sat-Chit-Ananda.“

 

~ Sundari Ma, Schülerin von Igor

— Igor Kufayev, veröffentlicht in “Yoga Aktuell“, Februar / März Ausgabe 2017 (102). Übersetzung von Nina Haisken. 

 

Bilder wurden von Flowing Wakefulness zur Verfügung gestellt.

1- Teilnehmerin einer 7-tägigen Immersion mit Igor Kufayev in kriyas (spontanen Mudras) während der Meditation, Assisi, Italien 2018.

2- Teilnehmer einer 7-tägigen Immersion mit Igor Kufayev in kriyas (spontanen Mudras) während der Meditation. Gut Saunstorf, Deutschland, 2021.

3- Teilnehmerin einer 7-tägigen Immersion mit Igor Kufayev in kriyas (spontanen Asanas – Urdhva Dhanurasana) während der Meditation. Buena Vibra, Mexico, 2019.

4- Igor Vamadeva Kufayev in Mallorca, Dezember 2021.

Mehr zum Thema ‘Kundalini Erwachen’:

1- Groundbreaking pre-recorded 3-month course “KUNDALINI – The Source of Ultimate Knowledge, Power & Joy” with Igor Kufayev (English).

2- Live Immersions in Germany with Igor Kufayev in 2022 (English).

3- Online Kurse – Die transformierenden Lehren von Igor Kufayev mit Sundari Ma und 1-zu-1 Begleitung und Unterstützung des spirituellen Prozesses (deutsch).

4- Igor’s YouTube Channel with many offerings on topics like Tantra, Kundalini Awakening, Self-realization & Teacher-Student inteactions from live settings.

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